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Style

WEDDING KRIMI: Panik kurz vorm Ja-Wort

Samstag, 10 Uhr. Meine Stylistin Anne fragt nach einem Tisch, auf dem sie ihren monströsen Schminkkoffer mit den tollen Lampen abstellen kann. Wenige Minuten später nehme ich in meinem Morgenmantel Platz auf dem Stuhl. Mein Blick geht genau hinaus auf den See. Rechts davon kann ich die Location für die Trauung erahnen. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Ich bin entspannt. Vorfreudig und aufgeregt, aber entspannt. Ich weiß, dass die besten Trauzeugen der Welt alles perfekt im Griff haben.

Was mir vor der Hochzeit nicht bewusst war: Vier Stunden bleibe ich in ein und demselben Zimmer. Es darf mich ja niemand sehen. Was im Laufe der kommenden Stunden passiert, kann man also getrost als Kammerspiel bezeichnen.

Schminkkoffer, Schminkkoffer auf dem Tisch…

Es ist inzwischen 11 Uhr. Ich habe den Morgenmantel, in dem man einfach unfassbar schwitzt, gegen ein weißes Handtuch aus dem Hotelzimmer getauscht. Viel besser. Unser Fotograf Kevin dokumentiert, wie Anne die letzten Griffe an mir vollführt. Ich überprüfe im Bad das Ergebnis und fühle mich schön. Es klopft und völlig gestresst, noch mit nassen Haaren, kommt meine Trauzeugin ins Zimmer, um nach mir Platz vorm Schminkkoffer zu nehmen. Wir lachen viel. Wie immer. Auch Lisa ist mit ihrem Styling zufrieden und widmet sich wieder ihrem geschäftigen Trauzeugen-Dasein.

Jetzt ist meine Mama dran. Sie ist ein bisschen aufgeregt, das merkt man ihr an. So professionell wird sie ja schließlich nicht jeden Tag geschminkt und frisiert. Die Stimmung ist fröhlich. Mama scherzt bereits mit Kevin, als würden sie sich schon viel länger kennen als nur die letzten 60 Minuten. Wow, wie schön sie aussieht! Ob sie noch eine Blume in ihre schlicht-klassische Frisur stecken möchte? Ja, warum nicht? Ich bin unheimlich stolz auf sie. Einfach so. Und sehr dankbar, dass meine Mama eine so tolle Frau ist. Ab jetzt wird alles immer emotionaler. Und ein besonderer Moment steht an. Aber vorher kommt meine Schwiegermama mit Leni auf dem Arm, um die Ringe zu holen, die auf einem Stickrahmen festgebunden sind. „Nur nicht so fest, damit ich nicht ewig brauche, um sie loszubekommen“, hat Gero mich beim Frühstück noch gebeten.

Ab in die Zauberkugel!

Das weiße Handtuch soll nun gegen mein Hochzeitskleid getauscht werden. Kevin muss sich kurz umdrehen. Das ist mir dann doch etwas zu intim. Jetzt darf er wieder gucken. Ich halte mir das Kleid vor die Brust, während Mama einen Knopf nach dem anderen schließt. Vorsichtig lege ich noch die Perlenohrringe meiner Schwiegermutter an, lasse mir von meiner Mama das zarte Armband aus Roségold umlegen und schlüpfe in meine Schuhe. Fertig. Ich nehme meinen perfekten Brautstrauß, in dem zufälligerweise Blumen in der gleichen Farbe wie meine Fingernägel verarbeitet sind. Alles fühlt sich gut an. Kevin macht die ersten Fotos von mir so wie ich Gero um 14 Uhr entgegen schreiten werde. Ich schaue zwischendurch aus dem Fenster und sehe die ersten Gäste in Richtung Pergola gehen. Es muss halb zwei sein.

Ganz und gar nicht perfekt

Dann sehe ich noch etwas. Einige Familienmitglieder und Freunde suchen den Boden ab wie Hühner die nach Körnern picken. Genau in meinem Sichtfeld. Es dauert nicht lange, bis ich begreife, was passiert ist. Die Zeit beginnt auf einmal zu rasen. Gefühlt zumindest. Ich bin niedergeschlagen. Ein Ring ist weg. Welcher wohl? Geros oder meiner? Egal, beides ist eine Katastrophe für mich. Ich weine nicht. Ich raste auch nicht aus. Ich bin einfach traurig. So war das nicht geplant. Immer mehr Leute sammeln sich auf dem Weg, lassen ihre Augen über den Rasen und den Kiesweg wandern. Mein Trauzeuge zieht den Vorhang zu. Als könnte ich jetzt abschalten! Come on…“Ich hab ihn!“, höre ich es irgendwann in meinem resignierenden Kopf rufen. Uff! Aber warum suchen die denn weiter? Das kann ja nur eines bedeuten…

In diesem Moment klopft es. Meine Schwiegermutter kommt sichtlich erschüttert ins Zimmer und hält mir einen Ring hin. Ihren Ring, den sie mir beim Frühstück noch stolz gezeigt hat. Er symbolisiert ihre drei Kinder. Ich soll ihn für die Zeremonie nehmen, mein Ring sei weg. So habe ich sie noch nie gesehen. Sie weint bitterlich und bekommt kaum noch Luft. Und in diesem Moment ist mir völlig egal, ob ein Ring weg ist oder beide, ob es Geros ist oder meiner. Nichts ist es wert, dass sie sich so fertig macht und statt mich aufzuregen, versuche ich sie zu beruhigen.

Das ist ja wie im Film

„Wir haben ihn! Den zweiten!“, schneit mein Trauzeuge Bene in die extrem emotionale Situation. Die Tränen trocknen schnell. Die Gäste begeben sich auf ihre Plätze. Meine Schwiegermutter lässt sich auf die Wange küssen und macht sich ebenfalls auf den Weg. Nur noch Anne, Kevin, meine Mami und ich sind im Haus. Es muss doch schon mindestens halb drei sein! Von wegen, es ist genau zwei Uhr und zumindest zeitlich läuft nun alles doch noch nach Plan. Meine Schleppe hinter mir herziehend gehe ich die alte Holztreppe hinunter und laufe mit meiner Mama an der Hand zu meinen beiden Omis. Es geht los.

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