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Das mit dem Trotz: Von Dönertellertagen und Endzeitstimmung

Warnung: Dieser Text ist extrem negativ und trieft vor hormongesteuertem Selbstmitleid. Wem First-World-Problems so richtig gegen den Strich gehen, sollte nicht weiterlesen. Es folgt ein Tag im Alltag einer Mutter, an dem so rein gar nichts funktioniert.

Husten. Ich höre es genau durch die Wand, die das Kinderzimmer und unser Schlafzimmer trennt. Röchel, rassel, öfföff. Der Tag voll mit Terminen, das Kind krank, alles auf Null. Aufstehen mit einem Meter Bauchumfang. Ein stechender Schmerz im Rücken. Zum Mann: “Kannst du bitte aufstehen?” “Klar, mach langsam, ich hole dir einen Kaffee.” Mann kommt mit dem doch nicht so kranken Kind und Heißgetränken. Mini trinkt eine Milch und ich einen Kaffee. Kurzzeitig doch noch ein schöner Morgen. Es sollte vorerst das Tages-Highlight bleiben.

Nein! Nein! Nein!

Der erste Nervenzusammenbruch folgt beim Anziehen des Kindes. Hach ja, Terrible Two. Wie immer bei den Entwicklungsschritten des Kindes, habe ich auch diesen vorher nicht so gaaanz ernst genommen, was sich jetzt doppelt und dreifach rächt. Schreien, brüllen, Verzweiflung auf beiden Seiten. Mutter und Kind sind ratlos und am Ende. Es ist morgens um 8 Uhr. Der Mann übernimmt an der Trotz-Front und besänftigt die kleine Emotionsrakete mit Engelszungen und einer unfassbaren Geduld. Es gibt letztendlich sogar einen feuchten Abschiedskuss für Mama, bevor es in die Kita geht.

Ich kann kaum stehen also wird der erste berufliche Termin abgesagt. Eine weitere kleine Schippe Abfuck-Krümel auf dem immer größer werdenden Kloß in meinem Hals. Okay, dann kümmere ich mich halt halb liegend um den immer größer werdenden Papierberg. Mutterschaftsgeld, Steuererklärung und Versicherungsantrag. Worte, die klingen wie Fingernägel auf einer Schiefertafel. Aber ich ziehe das jetzt durch. Und dann ist der Rücken bestimmt besser und dann mache ich Yoga und dann putze ich und dann gehe ich einkaufen und dann hole ich das Kind früh aus der Kita ab und wir backen Kekse und dann wird das am Ende ein wunderbarer Tag.

You can do it!

Erstmal Mutterschaftsgeld. Dafür brauche ich diese Bescheinigung von meiner Frauenärztin. Die ist im Mutterpass. Wo ist der Mutterpass? Zuletzt lag er auf dem Nachtschrank weil ich abends noch die neu eingetragenen Ergebnisse von der letzten Untersuchung durchgelesen habe. Dort wo er lag, liegt jetzt das Jesuskind aus unserer Krippe. Verdächtig. Ich gucke überall und finde: nichts. Notruf-Whatsapp an den Mann: “Hast du meinen Mutterpass gesehen?” Die Antwort folgt prompt: “Nein, aber Carl hatte den kurz.” Verdacht bestätigt.

Das wichtige Dokument könnte also überall sein. Ich gucke zwischen den Sofakissen, hinterm Kühlschrank, unter der Badezimmermatte. Nichts. Der Kloß und das Selbstmitleid werden groß wie der Wäscheberg, der vor der Maschine liegt und mich drohend ansieht. Die Stimme in meinem Kopf schlägt einen sehr weinerlichen, sehr nervigen Ton an: “Alle sind gegen mich. Nichts soll klappen. Wie soll es nur weitergehen.” “Zünd dir eine Kerze an und leg dich erstmal hin”, lautet der Whatsapp-Rat vom Gatten als hätte er in mein Hirn eine Abhör-Wanze implantiert. Mit bleibt eh nichts anderes übrig. Das Stechen in meinem Rücken wird schlimmer und so lege ich mich und meinen Kloß auf die Couch.

Vom Orga-Tag zum Onlineshopping

Mit dem Laptop auf dem Bauch versuche ich ein wenig zu arbeiten. Ach, es gibt ja immer noch Black Friday Angebote. Oder Cyber Monday. Oder Advents-Rabatt. Mal gucken. Was soll das Christkind dem Sohn eigentlich zu Weihnachten bringen? Klick. Klick. Klick. Warenkorb voll. Soll ich wirklich? Nein. Schnell Seite schließen. Auf die Uhr gucken. Kann ja gar nicht sein. Ich habe mich fast zwei Stunden durch Onlineshops geklickt. Klasse.

Das wichtigste noch abarbeiten und dann gehts los zur Kita. Zumindest einen Punkt meiner lächerlichen To-Do-Liste will ich heute schaffen: Das Kind früh abholen, damit sich der kleine Hustefuchs ein bisschen ausruhen kann. Der Rücken ist besser, vielleicht können wir sogar kurz einkaufen. Ich: “Hallo Kind!” Er: “Nein! Nein! Nein!” Ein etwas holpriger Start. Jetzt bloß die Kurve kriegen, damit es nicht im totalen Desaster endet. “Nicht mit. Mama weg.” Ich versuche seeehr geduldig und liebenswürdig und beruhigend auf ihn zu wirken. Andere Eltern kommen und blicken mitleidig auf mich und den kleinen, verzweifelten Jungen. Ich will ihm ja helfen! Aber ich weiß gerade einfach nicht wie.

Gesucht: Erziehungstipps für kleine Diktatoren

Im Vorraum der Kita sind es wie immer gefühlte 50 Grad. Ich trage meine Daunenjacke und eine blaue Wollmütze unter der Schweißtropfen hervortreten und mir über die Schläfen rinnen. Schuhe anziehen. “Nein.” Jacke anziehen. “Nein!” Mütze aufsetzen. “NEIN!” Mutter und Kind angezogen, beide schwitzend, beide fluchend gehen dann doch nicht mehr einkaufen. Ein Schokoladenweihnachtsmann auf Kinderwagenhöhe und Kim Jong-un kann einpacken. Langstreckenrakete? Die Schallwellen dieses schreienden Brüllbombers reichen mindestens bis in die USA.

 

 

Zu Hause gibt es dann weiter klare Ansagen: “Sofa! Milch! Bobo!”. Ein letzter Versuch: “Oder wollen wir vielleicht Kekse backen?” “NEIN! NEIN! NEIN!” Alles klar. Die Machtverhältnisse in diesem Territorium sind längst geklärt. Ein kleiner Diktator hat das Sagen und ich bin sein ergebenes Volk. “Hier die Milch, bitte pass mit dem Sofa auf, soll ich dir die Füße kraulen.” “Ja.” Ein erster Erfolg. Er trinkt und glotzt und genießt und wirklich auf einmal ganz zahm. Halleluja, da ist ja mein Kind.

Huch, Harmonie!

Und dann wird es völlig überraschend doch noch ein schöner Nachmittag. Eisenbahn spielen, Bücher lesen, kuscheln. Geht doch. Auf einmal ist mein Rücken auch besser. Es folgt der letzte Akt im Kleinkindkrimi: Ins Bett gehen. Ich frage ganz zaghaft nach: “Wollen wir Zähne putzen?” Und zack! Da isser wieder! Der Herrscher und Gebieter, gekommen um alles zu vernichten, was sich zwischen ihn und seine Brio-Bahn stellt. Um es kurz zu machen: Eine gute halbe Stunde später liegt er mit geputzten Zähnen im Bett. Eine halbe Stunde voller Neins, showreifen Wälz-Einlagen auf dem Dielenboden und – na klar – Tränen auf beiden Seiten. Aber jetzt ist es ruhig. Nur noch die Miffi-Lampe strahlt ihr sanftes Licht aus und ich lese von Bagger Ben vor. Und dann wird geschlafen. Einfach so. Ach diese langen Wimpern. Und dieser Schmollmund. „So sind sie doch am schönsten“, sagte meine Oma schon über schlafende Kinder. 

Nach solchen Tagen hilft nur eins. Mein Retter in der Not. Mein Strohhalm zum Festklammern, wenn der Boden unter mir in einem Strudel von To-Dos und Nicht-schaffen versinkt. Mein Anker im Hafen der Trotzkindmütter. Und da kommt er. Stolz hereingetragen vom schönsten Lieferdienst der Stadt (meinem Mann): ein Dönerteller mit Pommes und Knoblauchsauce.

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3 Kommentare

  • Antworten
    Paulina
    30. November 2017 at 17:44

    so schön geschrieben <3

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    Amelie
    8. Dezember 2017 at 22:08

    Kenne ich ALLES 🙈😏 schöner Beitrag ❤️

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