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Schwanger in der U-Bahn: Warum stehst du eigentlich nicht auf?

Wenn morgens der Wecker klingelt, hatte ich in letzter Zeit oft keine Lust zur Arbeit zu gehen. Das lag aber keinesfalls daran, dass ich meinen Job nicht mag. Sondern an dem Weg dorthin. Denn ich musste jetzt eine Weile die morgens um halb 8 schrecklich überfüllte U-Bahn nehmen. Das ist so schon nervig. Mit einer prallen Babykugel aber eben noch mehr.

Anfangs habe ich mir immer noch eingeredet: „Ach, mein Bauch ist klein. Man sieht ihn kaum, vor allem nicht unter den dicken Pullis.“ Das U-Bahn-Fahren machte mir aber zunehmend zu schaffen. Die dicke Luft und das Stehen gefiel meinem Körper einfach nicht. Er reagierte mit Zwicken im Bauch, Schweißausbrüchen und Schwindel.

Oft blieb mir nichts anderes übrig, als Fahrgäste, mit einer zeigenden Geste auf meinen Bauch, zu bitten aufzustehen. Das haben sie auch immer sofort gemacht und es war ihnen jedes Mal sichtlich unangenehm, dass sie nicht selbst darauf gekommen waren.

Eine typische Situation

Beim Betreten der Bahn gewöhne ich mir an, meinen Mantel zu öffnen und die Plautze so richtig schon rauszustrecken. Ich fühlte mich teilweise ein bisschen wie diese viel zu lauten Akkordeon-Männer, die zum tausendsten Mal „Hit the Road Jack“ spielen und damit den Fahrgästen auf die Nerven gehen. „Oah ne schon wieder ne Schwangere, jetzt soll ich wohl Platz machen oder was?!“

Dabei ist doch eigentlich nichts dabei oder? Wenn ich eine schwangere Frau oder eine ältere Person in der Bahn sehe, stellt sich für mich gar nicht die Frage. Klar, stehe ich auf. Oft ohne etwas zu sagen. Es reicht ein kurzer Blickkontakt und dann kann sich besagte Person setzen oder eben nicht.

Doch ich habe bei dieser Schwangerschaft eine andere Erfahrung gemacht. Die Leute gucken wie hypnotisiert auf ihre Handys oder Füße, auch wenn ihnen teilweise deutlich anzumerken ist, dass sie mich und meine Rundung durchaus wahrgenommen haben. Was steckt dahinter? Scheu? Angst? Faulheit?

Die Analyse

Eines Morgens wurde ich in einer solchen Situation richtig sauer. In der U5 stand ich direkt vor einem Pärchen, das auf der seitlichen Bank saß. Ihre Köpfe waren direkt vor meinem dicken Bauch. Ich konnte jedes Wort ihres Gesprächs mit anhören. Was ich damit sagen will: wir waren uns räumlich sehr nah und der junge Mann hätte mir, ohne großes Aufsehen zu erregen, seinen Platz überlassen können. Aber: nix.

Nach dem Umsteigen am Alexanderplatz stand ich dann zufällig wieder neben diesem Pärchen am Bahnsteig. Immer noch sauer über diese unangenehme Situation platzte es aus mir raus. Ganz freundlich fragte ich sie, ob ihnen eben nicht aufgefallen war, dass ich schwanger sei oder warum sie mir keinen Platz angeboten hätten. Es interessierte mich einfach wirklich, was dahinter steckte.

Diese kleine Umfrage führe ich die folgenden Tage noch öfter durch und notierte mir die Reaktionen. Das Pärchen habe ich sogar nach dem Alter gefragt bei den anderen habe ich geschätzt.

Pärchen in der U5, sie 28, er 27:

Er: „Für ältere Menschen stehe ich immer auf, aber bei Schwangeren weiß man ja nie so… Man will einer Frau ja auch nicht zu nahe treten.“

 

Sie: „Ja, ich hab zwar hingeguckt, aber es ist mir gar nicht so richtig aufgefallen“

Mann in der U2, schätzungsweise Anfang 30, der mir, nachdem ich darum bat, seinen Platz überließ:

„Naja, du hast mir gar keine Chance gegeben, dich zu fragen. Ich habe mich ja grad erst hingesetzt und noch auf mein Handy geschaut. Ich stehe sonst immer auf.“

 

Frau in der U2, etwa um die 40 Jahre alt, die mir sitzend fünf Stationen lang fasziniert auf den Bauch schaute:

 

„Entschuldigung! Habe ich nicht gesehen! Entschuldigung!“

 

Das Leben in vollen Zügen genießen

Ich schätze es steckt tatsächlich die Menschenscheue der Berliner dahinter. Diese urbane Angst vor zu viel Nähe. Schließlich muss man ein Mini-Stück seiner Großstadt-Anonymität aufgeben, wenn man in der oft gespenstig ruhigen Bahn einer anderen Person den Platz anbietet. Das ist irgendwie unangenehm, da muss man irgendwie aus seinem Komfortbereich, das lässt man dann irgendwie einfach, macht die Augen zu oder drückt auf dem Handy rum und wartet, dass diese unangenehme Situation vorbeigeht.

 

Ich bin dann jetzt aufs Auto umgestiegen und gleite so langsam in den Mutterschutz. Mehr Homeoffice, weniger Stadtverkehr. Das nächste Mal wird mich die U-Bahn wohl erst wieder mit zwei Kindern im Schlepptau sehen. Das nächste Level im Abenteuer BVG.

 

Titelbild: Unsplash

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4 Kommentare

  • Antworten
    Lia
    18. Dezember 2017 at 15:07

    Haha, ich fahre jeden Tag U7 und bin kurz vor box-level. Menschen hier sind einfach merkwürdig! Danke für die feine Bestätigung!

    • Antworten
      Laura
      20. Dezember 2017 at 9:25

      Ja, merkwürdig trifft es ganz gut 🙂

  • Antworten
    Marleen
    20. Dezember 2017 at 9:15

    Bin in der Schwangerschaft bis zwei Wochen vorm Mutterschutz jeden Tag in Düsseldorf mit der Straßenbahn zur Arbeit gefahren. Und ich muss sagen, der Rheinländer an sich scheint da rücksichtsvoller zu sein als die Berliner. Mir wurde fast jeden Tag ein Platz angeboten. Ein paar Mal musste ich selber bitten. Auch jetzt noch wünscht mir ständig jemand alles Gute und fragt, wann es denn so weit ist. Insgesamt habe ich da eine sehr schöne Erfahrung gemacht. Schade, dass die Menschen in Berlin da so verschlossen sind.

    • Antworten
      Laura
      20. Dezember 2017 at 9:25

      Das klingt toll. Schön, dass du so gute Erfahrungen gemacht hast. Spricht alles für einen Ausflug nach Düsseldorf!

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