Momdays
Momlife

So überstehe ich einen Wutanfall bei meinem Kleinkind

Wir befinden uns vor der Eisdiele um die Ecke unserer Kita. Es ist 16 Uhr. Die Sonne scheint. Eltern, die ihre Kinder gerade abgeholt haben, führen sie jetzt noch zu einer Kugel Mangosorbet mit bunten Streuseln aus. Ein Kind wirft sich auf den Boden. Es schreit unverständliches Zeug. “Neiiiin! Bwdfohwdfsh..adfwfiowhe! Nein! Nein!” Es ist mein Kind. Es hat einen Wutanfall.

„Was machst du bei Wutanfällen?“, wurde ich neulich gefragt. Tja, gute Frage. Ich atme, versuche mich zusammenzureißen und dem unüberwindlichen Drang zu Schreien Widerstand zu leisten. Das klappt nicht immer. Eine große Hilfe ist mir das Buch “Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn”, in das ich regelmäßig hineinschaue oder höre (gibt es bei Spotify als Hörbuch) und viele Situationen so verdammt plausibel erklärt. Im folgenden habe ich einmal für mich und euch aufgelistet, an welche Punkte ich immer wieder versuche mich zu erinnern.

1. Keine Frage der Erziehung

Wutanfälle passieren. Sie passieren oft und bei jedem Kind. Und sie sind kein Zeichen für eine schlechte oder fehlende Erziehung. Wenn ein Kleinkind niemals Wutanfälle hat oder ausrastet, bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass es besonders gut erzogen ist. Ein Kleinkind ohne Wutausbrüche ist sehr rar und kommt wohl so gut wie nie vor. Die einen wüten schon mit eins, andere ganz klassisch mit 2 und wieder andere erst mit 3 oder 4 Jahren.

2. Keine Absicht

Kleinkinder rasten nicht aus, weil sie frech oder manipulativ oder anstrengend sein wollen. Sie rasten aus, weil ihr Gehirn noch nicht voll entwickelt ist und sie ihre Emotionen längst noch nicht so filtern und kontrollieren können wie wir. Wir sind in der Lage, tief durchzuatmen, leise bis zehn zu zählen und uns unter Kontrolle zu behalten, wenn uns etwas ärgert. Dazu haben Kleinkinder schlichtweg nicht die neurologische Fähigkeit. Das kann ihnen auch nicht durch Strafen oder “Time-Outs” beigebracht werden. Diese Maßnahmen zeigen ihnen lediglich, dass Mama und Papa nicht bei ihm sein möchten, wenn sie schlecht drauf oder verärgert sind. So bringen wir unseren Kindern von Anfang an bei, dass wir nur in ihrer Nähe sein wollen, wenn sie sich gut fühlen.

4. Atmen! Atmen! Atmen!

Wenn ein Kind erstmal tief im Tunnel seines Ausbruchs ist, dreht sich die Wutspirale schnell wie ein Hurricane. Durch Schreie, Hauen, Weinen und Hinfallen finden die Gefühle des Kindes einen Ausgang. Das sorgt natürlich auch bei den Eltern für eine Welle von Emotionen. Bei näherer Betrachtung sind es genau die gleichen, die das Kind fühlt: Verzweiflung, Enttäuschung und Wut. Jetzt liegt es an den Eltern, einen kühlen Kopf zu bewahren, tief durchzuatmen und sich noch einmal in den Kopf zu rufen: “Mein Kind macht das nicht, um mich zu ärgern. Es ist einfach ein Kind, das sich (noch!) nicht anders verhalten kann.“

5. Die anderen sind egal

In der Situation vor der Eisdiele hatte ich natürlich das Gefühl, dass mich nun alle ansehen und verurteilen. Dabei sind die Chancen hoch, dass die meisten mit sich und ihren eigenen Kindern beschäftigt waren und andere wahrscheinlich versuchten, mir aufmunternd zuzunicken. Schließlich kennen alle Eltern diese Situation und waren mit großer Wahrscheinlichkeit auch selbst schon von einem Wutanfall betroffen. Aber selbst wenn man von jemandem verurteilt oder durch Blicke abgestraft wird, versuche ich diejenigen ganz klar auszublenden. Ihre Meinung ist egal, was zählt ist das Kind.

6. Emotionen klar benennen

Es ist wichtig, dass das Kind lernt seine Gefühle zu benennen und sie damit irgendwann einordnen kann. Auch wenn es für uns klar ist, kann es dem Kind eine Hilfestellung sein, zu sagen: “Ich weiß, dass du wütend bist, weil wir jetzt nach Hause müssen.” oder “Du bist ja richtig sauer, weil dir das Kind den Bagger weggenommen hat.” Außerdem fühlt sich das Kind so in seinem Wutanfall verstanden und wahrgenommen.

7. Zuhören und da sein

Viele denken, dass man Kinder fest in den Arm nehmen muss, wenn sie so wütend sind. Das lassen allerdings einige Kinder gar nicht zu. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass mein Kind dann oft noch mehr wütet. Also bleibe ich einfach so nah bei ihm sitzen oder stehen, wie er es zulässt. Bis ich das Gefühl habe, er beruhigt sich langsam. Erst dann nehme ich ihn in den Arm. Bis dahin gebe ich ihm Raum.

8. Wieder zueinander finden

Wenn der Wutanfall vorüber ist, gilt es, wieder zueinander zu finden. Jetzt kann darüber geredet werden, was passiert ist und warum. Zu einem früheren Zeitpunkt macht das keinen Sinn. Während des Wutanfalls will und kann das Kind gar nicht zuhören, Wörter können es während dieser Phase nicht erreichen.

 

Diese tollen Tipps helfen mir zwar, mit Wutanfällen umzugehen, sie stoppen diese allerdings keinesfalls. Ich bin diese Liste schon drölftausendmal durchgegangen und werde es wohl auch noch genau so oft tun. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Tricks nichts bringen oder nicht helfen. Es bedeutet lediglich, dass ich ein Kleinkind habe mit einem Kleinkindhirn. Manchmal ist es am effektivsten, seine Erwartungen etwas herunterzuschrauben. Vom Kind nicht länger zu erwarten, dass es wie ein Erwachsener funktioniert, sondern akzeptiert, dass es seinen eigenen (sich in der Entwicklung befindlichen) Kopf hat.

Die schöne Idee vom Eis nach der Kita im Kreise von anderen Kita-Kindern und -Eltern funktioniert diesen Sommer einfach nicht so richtig für uns. Mein Sohn, der sich gerade den Mittagsschlaf abgewöhnt hat, ist dann einfach schon zu müde, sodass ihn Kleinigkeiten auf die Palme bringen. Besser funktioniert die Kugel Eis auf dem heimischen Balkon. Pläne und Erwartungen angepasst, Kind und Eltern zufrieden. Zumindest bis zum nächsten Wutanfall…

Mehr Mehr Mehr...

Noch keine Kommentare

Mein Kommentar