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Dadlife Elternzeit

Väter an die Windeln – ein Plädoyer für mehr ELTERNzeit

Wie fühlt sich ein Vater in Elternzeit 2018 – ein Selbsttest.

Ich schiebe den Kinderwagen meines 8-monatigen Sohns durch den Herbst-Niesel von Berlin Friedrichshain. Zu einer Zeit, in der die Nine-to-Five-Gesellschaft arbeitet und außer mir nur Rentner, die spät dran sind, Restalkohol-geschwängerte easyJet-Touristen, Flat-White-schlürfende Freelancer (zu denen ich bis dato in gewisser Weise auch gehörte) und zu 90 % von Schlaflosig- und Glückseligkeit gezeichnete Mütter unterwegs sind.

Von anderen Fußgängern werde ich geradezu interessiert betrachtet. Die Blicke changieren zwischen tiefer Bewunderung und aufrichtigem Mitleid. Ein lobendes Nicken der älteren Dame, ein zugeworfenes Lächeln der jungen Studentin, ein „Willkommen im Klub“ der vorbeischiebenden Mamas.

Warum ist das so? Warum adeln wir nicht jede Mutter, die uns über den Weg läuft mit dem gleichen Maß an Bewunderung? Und warum tragen wir als Väter in ELTERNzeit 2018 noch den Stempel des Exoten?

Wie so oft im Leben rühren Reaktionen wie diese aus fehlender Erfahrung. Mütter können sich durch ihre naturgegebene Auszeit – und die damit verbundene ausnahmslose Konzentration auf den Nachwuchs – natürlich in uns Elternzeit-Väter hinein versetzen. Der springende Punkt ist also nicht nur ein veraltetes Rollenbild, sondern schlichtweg das fehlende Sich-In-Jemanden-Hinein-Versetzen.

Das sollte sich ändern

So lange wir nicht an dem bestehenden System rütteln, wird sich an dieser Gemengelage wahrscheinlich kaum etwas ändern. Die Frau schleicht sich notgedrungen still und leise zurück an den Herd und der Mann geht schaffen – er verdient ja mehr. Diese oder ähnliche Antworten sind der Dauerbrenner auf die Elternzeitfrage. So beschließt rund jedes zweite Paar, dass der Elternteil nach Geburt oder Elternzeit wieder berufstätig sein sollte, der in der Zeit ohne Kind das höhere Einkommen hatte. Ein Teufelskreis: stagnierende Frauenquoten in Führungspositionen, kein gleiches Gehalt für gleiche Leistung, Voreingenommenheit bei der Anstellung von Frauen im gebärfreudigen Alter.

Die Zahl der Väter in Elternzeit steigt zwar stetig an, geht jedoch bisher noch nicht in einem neuen Rollenverständnis auf. Da die meisten Väter häufig nach nur den zwei Mindestmonaten Elternzeit zum Business as usual zurückkehren. Was durchaus nicht nur an den Vätern liegt. Einige Mütter proklamieren die frühkindliche Erziehung alleinig für sich – dies wird in der Fachsprache Maternal Gatekeeping geschimpft und beschreibt Mütter, die der väterlichen Erziehung nicht ganz über den Weg trauen und es lieber selbst erledigen.

Um diesem Teufelskreis ein Schnippchen zu schlagen plädiere ich für eine Pflicht-Auszeit sowohl für Väter als auch Mütter. Kein „Ich nehme den ersten Monat gemeinsam frei“ (habe ich selbst erfahren), sondern mindestens ein Monat in dem die Partnerin oder der Partner seiner beruflichen Tätigkeit nachgehen kann.

Das werden wir ändern

Abgesehen von der Erfüllung abseits vom Elterndasein wäre das eine Empathie-Spritze für die Partnerschaft und unsere Gesellschaft. Das Begegnen mit dem Partner auf Augenhöhe also ein Win-Win für alle Beteiligten.

Das Hüten, Er- und Großziehen des Nachwuchs würde jeder, der Kinder hat, somit nachhaltiger wertschätzen können. Auch ein Mann mit drei Kindern in der Führungsposition eines DAX-Konzerns käme so im Laufe seiner Karriere mindestens auf drei Monate zwischen Windeln und Babybrei. Er würde damit womöglich im Bewerbungsgespräch die 12 Monate Elternzeit ebenso honorieren wie ein Top-Praktikum bei der Unternehmensberatung. Mit Stress, Überstunden und Teamplay hat Mutter oder Vater in Elternzeit ohnehin Erfahrung.

Die Vorraussetzungen sind in Deutschland im Übrigen ziemlich gut. Im Vergleich mit den USA, Südamerika oder den Niederlanden stehen wir in Sachen Mutterschutz, Dauer und Bezahlung in der Elternzeit sehr gut da. Kaum zu glauben, dass die Vereinigten Staaten nach wie vor eines von gerade mal neun Ländern weltweit sind, die keinen einzigen Monat bezahlte Elternzeit vorsehen. Und das obwohl sich nachweislich eine bezahlte Elternzeit positiv auf die wirtschaftliche Lage des Landes, die Frauenerwerbsquote sowie die Mütter- und Kindersterblichkeiten auswirkt.

Der Grundstein ist also gelegt. Nun gilt es das System zu verbessern, es als Motor für die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu nutzen und ein nachhaltiges Verständnis für den erfüllenden aber toughen Job von Full-Time-Eltern zu manifestieren.

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