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Wir haben „Elternschule“ gesehen, damit ihr es nicht tun müsst

In meinem Instagram-Netzwerk haben sich in den vergangenen Tagen einige Mamas schockiert über den Dokumentarfilm „Elternschule“ gezeigt, der Familien mit vermeintlichen Problemkindern während ihres Aufenthaltes in einer Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik begleitet. Viele schrieben, sie hätten es kaum ausgehalten mit anzusehen, was dort passiert, und mussten sogar abbrechen. Ich erinnerte mich dunkel daran, dass der Film schon vor einigen Monaten für Aufsehen gesorgt hat. Damals wollte eine Petition die Absetzung erreichen.

Ich habe mir „Elternschule“ angesehen, um mir selbst ein Bild davon machen, was in dieser Einrichtung passiert, immerhin wird der Film von Kritikern sogar hoch gelobt. Einige Situationen, Aussagen und meine Gedanken dazu möchte ich an dieser Stelle mit euch teilen.

Intro

Psychologe Dietmar Langer führt die Eltern unterrichtsartig mit Tafel und Kreide in die Grundlagen seines selbst entwickelten Programmes ein und erklärt ihnen erst einmal wie Kinder überhaupt funktionieren. Dabei merkt man schon an seiner Art und Wortwahl, dass Kinder für ihn eher Objekte zu sein scheinen.

„Kinder sind überfordert sich selbst zu begrenzen. Gas geben können die alle gut, sie können nur nicht aufhören. Sie werden kein Kind auf der Welt finden, das zu Ihnen sagt: ‚Hör mal Mama, hör mal Papa, ihr habt euch in der letzten Zeit so toll um mich gekümmert, jetzt seid ihr auch mal dran.'“

Äh, geht’s noch? Erst einmal ist es nicht die Aufgabe eines Kindes im Kleinstalter auf meine Bedürfnisse einzugehen, die kann es ja noch gar nicht erkennen und einordnen und zweitens tun viele etwas größere Kinder das sehr wohl. Meine Tochter merkt mit 2 Jahren und 8 Monaten, wenn es mir nicht gut geht. Sie kommt zu mir, fragt „Was ist denn los?“, streichelt mich, nimmt mich in den Arm. Sie versucht mich zum lachen zu bringen, macht mir Essen aus Knete und sagt mir, dass sie mich lieb hat. Das empfinde ich als sehr wohl als „kümmern“ und „auch mal dran sein“. Das sauge ich auf und staune darüber. Das erwarte ich nicht.

„Der macht mit mir einen Belastungstest, der macht ein heiden Theater.“

Die Art und Weise wie kleine Kinder hier dargestellt werden – als boshafte Wesen, die keine Bedürfnisse und Probleme haben, sondern einfach schreien, um unsere Grenzen zu testen – tut einem als liebende Mutter wirklich weh. Nicht zum ersten Mal frage ich mich nach einigen Minuten „Elternschule“, warum Herr Langer grundsätzlich nur „der“ oder „die“ zu den Kindern sagt und finde, dass das viel über seine eigene Persönlichkeit aussagt.

Vorgespräch

Wir werden mitgenommen zu einigen Vorgesprächen mit den Eltern der vor allem sehr jungen Kinder. Hier wird erfragt, was die konkreten Probleme sind. Herr Langer fragt aber unter anderem auch nach Schwierigkeiten während der Schwangerschaft und Fehlgeburten. Auf einige der Mütter trifft dies zu. Immerhin scheint er zumindest zu wissen, dass die Schwierigkeiten in diesen Familien nicht allein an den Kleinen festzumachen sind.

„Wenn es hier mit dem Schlafen nicht klappt, müssen wir das Kind in ein Heim geben. Das ist einfach Fakt. Das habe ich für mich entschieden.“

Für mich die schockierendste Aussage. Ja, Schlafmangel ist schlimm. Mein Kind hat auch zwei Jahre lang schlecht geschlafen, aber nie nie NIE würde ich mein Kind freiwillig hergeben und schon gar nicht in ein Heim. Der abgebrühte, emotionslose Ton der Mutter tut einem im Herzen weh und man kann sich vorstellen, wie der Umgang zuhause in dieser Familie sein muss.

Klinikalltag

Nach den Gesprächen werden die Kinder untersucht. Einige schlafen schlecht, verweigern Essen und Trinken, ein kleiner Junge leidet unter Neurodermitis. Sie schreien, weinen, hauen und beißen, diese Problemkinder…

„Der wichtigste Gegenstand im Raum ist dieser Hocker. Und je mehr Stress die macht, desto mehr rollen sie zurück.“

Spätestens an dieser Stelle hätte ich mich aus dieser Klinik verabschiedet. Die Kinder werden von ihnen fremden Menschen angefasst, festgehalten und untersucht, was größten psychischen Stress für sie bedeutet. Niemals könnte ich mein Kind so etwas allein durchmachen lassen und mich für das Kind sichtbar sogar aktiv von ihm entfernen.

„Wo ich noch denke, ‚Der kleine Süße‘ hat er mich schon dreimal über’n Tisch gezogen. Wie’s mir geht, ist ihm scheißegal.“

Mittlerweile sind die Familien in der Klinik angekommen. Eine Art Alltag stellt sich ein. Die meisten Kinder sind für längere Zeit am Tag von ihren Eltern getrennt. Ich möchte es noch mal betonen, kleine Kinder in einer fremden Umgebung, allein mit Menschen die Aussagen wie diese hier treffen.

Sie werden in einen kindergartenartigen Raum namens „Mäuseburg“ gebracht. Weinend versteckt sich ein Kind in einer Ecke. Ein anderes liegt auf der Erde. Das Personal sitzt abwartend auf dem Boden. Kommunikation mit den Kindern findet kaum statt.

Essen ist bei vielen Kindern im Film ein großes Thema. Ein etwas größeres Mädchen mag das Tagesgericht nicht und wirft den Löffel von sich. Ihre Mutter macht sofort kurzen Prozess und nimmt ihr das Essen weg. Was jetzt passiert, treibt einem wirklich die Tränen in die Augen. Das Mädchen weint, läuft ihr hinterher und bettelt ihre eigene Mutter an:

„Bitte gib mir noch eine Chance es zu probieren. Ich brauch doch was zum Mittag.“

Sie bittet aktiv um eine Chance. Versucht sogar zu argumentieren. Sie reagiert nicht mit Wut, sie möchte nur etwas essen trotz anfänglichem Theater. Die Mutter redet nicht einmal mit ihr…

Ein kleines Mädchen, das erst seit zwei Jahren in Deutschland lebt und seitdem nur noch schlecht isst, nimmt mehrere Tage (ich glaube sieben oder acht) in der Klinik nichts zu sich, weil die begleitende Psychologin (?) ihr lediglich in einer tristen Atmosphäre gegenüber sitzt, aber kaum etwas zu ihr sagt. Warum versuchen sie es nicht spielerisch? Warum lächelt niemand? Stattdessen scheint es so als würden sie dieses kleine Mädchen mit den traurigen Augen zusätzlich brechen wollen.

Für die Kinder, die noch gefüttert werden, gibt es in der Klinik offensichtlich nicht einmal Lätzchen. Stattdessen werden ihnen dicke Tücher um den Hals drapiert. Auch hier gilt anscheinend die Ansage ans Personal bloß nicht unnötig mit den Kindern zu kommunizieren. Laut Langer sorgt das gerade am Tisch nur für einen Teufelskreis wie er in einer „Unterrichtsstunde“ erklärt. Viele Eltern schreiben diesen Mist sogar mit.

Teil der Therapie ist wohl auch, dass die Kinder in einem kahlen Raum, der nur mit Matten ausgelegt ist, sitzen und sich still verhalten sollen. Ein Mädchen streicht an der Kante der Matte entlang. Selbst das darf sie nicht. Nur stillsitzen und schweigen. Sinnvoll, wenn eines der Kinder am Ende die begleitenden Krankenschwestern fragt: „Warum saßen wir eigentlich die ganze Zeit nur?“

Dem Personal scheint das alles nichts auszumachen. Es wirkt eher abgebrüht. Eltern, die die Anweisungen nicht durchhalten und früher als erlaubt Kontakt zu ihren Kindern suchen (z.B. nachts), werden belächelt und in internen Gesprächen als schwach dargestellt.

Mein Fazit

Ich musste nicht abbrechen, aber ich war wütend und traurig. Es ist einfach alles in diesem Film falsch. Am irritierendsten war für mich unter anderem die fehlende Kommunikation. Während mein Grundsatz „Kommunikation ist alles“ ist, wird in dieser Klinik (zumindest was die Dokumentation zeigt) in essentiellen Situation fast vollständig darauf verzichtet. Es ist für mich als Zuschauerin schon extrem beklemmend, wie müssen diese Kinder sich gefühlt haben?

Und obwohl sich die Eltern laut Langer im Hintergrund halten sollen, ist mehr als offensichtlich, dass diese selbst in den meisten Fällen viel mehr Hilfe brauchen. Was nützt es denn, die kleinen Kinder, die vor allem aus Hilflosigkeit handeln, wegen ihrer vermeintlichen Verhaltensauffälligkeit zu therapieren und sie dann zurückzuschicken zu Menschen, die überfordert mit ihnen sind und nicht wissen, wie sie auftretende Konflikte lösen sollen? Die sie anschweigen, anschreien oder sogar ins Heim schicken wollen?

Das Traurigste ist, dass diese Klinik ja wirklich existiert und für einige Menschen die letzte Rettung zu sein scheint. Dass tatsächlich jetzt gerade Eltern in einem Raum sitzen, während nebenan ihre Kinder schreien. Um all diese Kinder, die keine unbeschwerte Kindheit haben, weil sie nur als ein wandelndes Problem gesehen werden, tut es mir unendlich leid. Und es erinnert mich wieder daran, mich in für mich schwierigen Situationen weniger gehen zu lassen, weiter mit meiner Tochter zu reden und zusammen Wege zu finden.

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2 Kommentare

  • Antworten
    Annika
    8. Juli 2019 at 12:42

    Hey,

    ich habe den Film gestern gesehen und heute, nach dem Lesen vieler Kritiken und Artikel erneut. Ich bin nun auf deinen Beitrag gestoßen und formuliere nun (auch für mich) mal meinem Eindruck. Er ist definitiv kritisch zu hinterfragen und viele Szenen lassen ein komisches Bauchgefühl zurück. Ich kann mir gut vorstellen, dass insbesondere bei Müttern noch viel mehr Emotionen und Unverständnis hochkommen, und das aber aufgrund dieser sowie eigener Einstellungen und Prinzipien die Doku dann nicht mehr neutral gesehen werden kann.
    Als Sozialpädagogin, die in einer Intensivwohngruppe für Jungs von 6-11 Jahren gearbeitet hat – eben genau den Kindern, die schon einen Schritt weiter waren, und nicht mehr in ihren Familie leben konnten – sehe ich die Dokumentation im Ganzen aus einer anderen Perspektive. Sie zeigt eine kurzfristige Möglichkeit, nach zahlreichen unterschiedlichen Versuchen seitens der Eltern durch Therapien und Arztbesuche, Schlimmeres zu verhindern – Selbstgefährdung durch z. B. Nahrungsverweigerung, starker Neurodermitis aber auch die Gefahr des Kontrollverlusts der Eltern und damit verbundene mögliche Misshandlungen (in dem Zusammenhang finde ich diese Artikel der FAZ sehr lesenswert: https://m.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/ard-dokumentarfilm-elternschule-ueber-problemkinder-16265367.html) .
    Keinesfalls sollten die Szenen als Vorlage für den Umgang mit trotzigen Kindern gesehen werden, oder gar als allgemeine Erziehungsempfehlung. Darin sehe ich das große Problem der Doku – es fehlt jegliche Begleitung durch die Szenen, es fehlen einbettende Diskussionen und Interviews, es fehlt ein kritische Beleuchtung und Auseinandersetzung mit Fragen und Zweifeln der Eltern (etwa dem Vater des kleinen Felix) für den Zuschauer. Was gezeigt wird, sind kurze, unkommentierte Szenen, deren Sinn und Wirkung sich jeder selbst zusammenreimt – die Kontroverse war vorhersehbar.
    Einige Szenen habe ich anders als du wahrgenommen. Etwa: Dietmar Langer sagt nicht, dass Kommunikation am Tisch mit dem Kind zu einem Teufelskreis führt – im Gegenteil, stetige Forderungen und Machtkämpfe seitens der Eltern führen in diesen. Er sagt, dass es ganz klar an den Eltern liegt, diesen zu durchbrechen, und zwar durch Herausnehmen der dauerhaften Spannung von „Du musst“, „wenn Du nicht,.. Dann..“. Desweiteren wird gezeigt, dass die Eltern umfangreich in den stationären Aufenthalt eingebunden sind, Beratung und Training erhalten und dieses auch mit Unterstützung anwenden. Ich bin mir auch recht sicher, dass die Familien in weitergehende ambulante systemische Beratung und Therapieangebote übergeleitet werden. Damit möchte ich die Methoden nicht verteidigen, ich bin selbst noch nicht sicher wie ich dazu stehe – durch eine 90 minütige Doku sieht man ja auch nur Ausschnitte des Ganzen.
    Insgesamt finde ich es schwierig, von oben herab über das Gezeigte zu urteilen, es abzustempeln und sich zu empören wie man es in vielen Foren liest – ohne pädagogische o. psychologische Ausbildung und jegliche Erfahrung in diesem Bereich. Besonders wenn es sich gegen andere Mütter richtet, deren Aussagen und Handlungen verurteilt werden – und gleichzeitig ihre individuellen Lebensgeschichten nicht bekannt sind und von denen man nicht weiß, was sie als Kinder durchgemacht und gelernt haben.
    Trotz allem gut, dass die Doku das Thema Gewalt in der Erziehung und Erziehungsmethoden in die Diskussion bringt, solange diese konstruktiv und zum Wohl der Kinder geführt wird.
    Liebe Grüße!

    PS. Ich schaue ab und an mal auf deinem Instagram Kanal vorbei, macht immer gute Laune, danke dafür! 🙂

    • Antworten
      Sophie
      8. Juli 2019 at 13:19

      Hallo Annika,

      hab vielen Dank für deine ausführliche Nachricht aus einer spannenden Perspektive. Du hast Recht, ich kann das nur persönlich beurteilen, nicht fachlich. Ich habe heute auch noch einige Erfahrungsberichte gelesen und stehe dieser Klinik und ihrer Vorgehensweise weiter kritisch gegenüber. Es ist auch die gesamte Atmosphäre, die vermittelt wird – kalt und emotionslos, eher abweisend sogar. Auch die Art, wie der Psychologe Kinder darstellt finde ich unmöglich.
      Es ist ein sehr emotional aufgeladenes Thema, das einen wirklich nicht loslässt. Danke dir für deinen Beitrag!

      Viele Grüße,
      Sophie

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