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Geburtsbericht Teil 2: Ambulante Geburt mit Beleghebamme in Zeiten von Corona

Ich weiß ja nicht, ob es viele Frauen gibt, die sich wünschen, dass die Geburt mit dem Platzen der Fruchtblase eingeläutet wird – ich gehörte jedenfalls dazu. Ich wollte einfach unbedingt wissen, wie sich das denn nun anfühlt. Von Sturzbächen bis hin zum kaum spürbarem Rinnsal kursieren schließlich alle möglichen Berichte. Ich muss beim Stichwort Fruchtblase immer an Charlotte aus „Sex and the City“ denken, der selbige platzt während sie die große Liebe ihrer Freundin auf offener Straße anschreit. Ganz so dramatisch lief es bei mir nicht ab.

Der erlösende rosa Schwall

Wer Teil 1 dieses Berichts gelesen hat, der weiß, dass ich mich gerade zwischen den Wehen in eine Leggins gekämpft habe, um ins Krankenhaus zu fahren, als mir auf dem Weg vom Bad ins Schlafzimmer der Wunsch einer geplatzten Fruchtblase erfüllt wurde.

00:49 Hab Wehen.

00:50 Und ich glaub, meine Fruchtblase ist eben gesprungen. Rosa Schwall.

00:54 Weiß jetzt schon nicht mehr, wie ich das ohne Schmerzmittel aushalten soll.

Aus dem Nachrichtenverlauf mit einer Freundin

Während ich vorher nur so zu 80% überzeugt davon war, dass es jetzt endlich losgehen würde, waren es nun mindestens 98%. Geros Mama und wir reichten uns gegen 1:45 Uhr den Staffelstab und los ging es mit einem Handtuch unterm Po und einem Surfbrett im Umstandsschlüppi per Auto ins Krankenhaus. Besagtes Handtuch haben wir übrigens ohne einen einzigen Tropfen Fruchtwasser darauf am nächsten Tag wieder in den Badezimmerschrank geräumt. Unterwegs wurden die Wehen wieder schwächer und ich war schon ganz besorgt, dass wir meine Hebamme jetzt umsonst um ihren wohlverdienten Schlaf bringen würden. Aber: die Fruchtblase war ja geplatzt. Mein sicherer Mantra-Fels in der Geburtsaufregungsbrandung.

Ankunft im Krankenhaus

An der Tür zur Entbindungsstation fiel dem werdenden Papa natürlich auf, dass er AUSGERECHNET HEUTE seine Maske zuhause vergessen hatte. Während eine liebe Stationsschwester auf die Suche nach einer Maske ging, kam auch schon unsere Hebamme und führte uns zum Ankommen erst einmal in einen Raum. Dort machte sie einen Corona-Test mit mir – negativ!

Alle paar Minuten kam ein Schwall Fruchtwasser. Das fühlte sich lustig an. Gero und ich lagen ein paar langsamen Liedern lauschend, in einer ruhigeren Phase löffelnd auf dem Bett, bis ich die Schmerzen besser halb an ihm hängend im Stehen bewältigen konnte. Die Wärmflasche, von der ich beim Packen der Kliniktasche noch gedacht habe, dass ich sie eh nicht brauchen würde, war eine riesengroße Wohltat gegen das Ziehen im unteren Rücken.

Gegen drei Uhr tastete meine Hebamme meinen Muttermund ab und es folgte die große Enttäuschung, denn der Fortschritt hinkte den Schmerzen alles andere als angemessen hinterher. Der Gedanke machte sich breit, dass es wohl doch nicht so fix wie beim ersten Mal gehen würde (ca. 5, 5 Stunden im Krankenhaus bis das Kind da war). Es folgte glücklicherweise Ablenkung in Form des Umzugs in den Kreißsaal.

Umzug in den Kreißsaal

Im Kreißsaal angekommen, musste ich zur Toilette. Während Gero und die Hebamme nach einigen Minuten fragten, ob alles okay wäre, sorgte mein Körper glücklicherweise selbst dafür, dass er sich auf eine würdevolle Weise vor der heißen Phase der Geburt vollständig (so fühlte es sich zumindest an) entleeren konnte.

Statt weiter zu stehen, schlug meine erfahrene Hebamme vor, dass ich mich aufs Bett legen sollte, um mich auszuruhen. Das hässliche Krankenhauskopfkissen habe ich in diesen Minuten heißer geliebt als meinen eigenen Ehemann. All meine Schmerzen hat es schweigend ertragen. Danke an dieser Stelle. Ich werde dich nie vergessen! Der Muttermund war bei der nächsten Untersuchung immer noch nicht weiter als drei Zentimeter geöffnet und mir war zum Weinen zumute bei dem Gedanken, diese Qualen noch über Stunden ertragen zu müssen. Obwohl ich mir so fest vorgenommen hatte, unbedingt bei vollem Bewusstsein – also ohne Schmerzmittel – zu entbinden, machte sich der Gedanke breit, dass ich es nicht allein schaffen würde. Und dann ging es los!

Presswehen von 0 auf 100

Während meine Hebamme auffällig langsam (ich hatte ihr zuvor gesagt, dass ich trotz Bettelei bitte keine Schmerzmittel bekommen möchte) alles vorbereitete, um einen Zugang an meiner Hand zu legen, bekam ich von jetzt auf gleich Presswehen. Auf einmal hatte dieses Baby es also doch eilig. Na schönen Dank!

Ich möchte niemandem Angst machen, aber auch realistisch und ehrlich bleiben, deswegen teile ich jetzt Folgendes mit euch: Ich war mir zu 100% sicher, dass mein Körper der Aufgabe nicht gewachsen war. Ich war mir sicher, dieses Kind nicht auf die Welt bringen zu können, sondern an den Schmerzen zu sterben. Ich habe geweint und geschrien und noch mehr geweint. Ich hatte aber auch die größte Motivation. Dadurch, dass ich bei vollem Bewusstsein war, habe ich genau gemerkt, was in meinem Körper passiert, wo sich etwas verschiebt, wo das Baby ungefähr ist. Ich habe also gespürt, dass all der Schmerz tatsächlich etwas bewirkt und was.

Irgendwann fragte meine Hebamme mich, ob ich das Baby mal fühlen wolle. NEIN! Nein, ich wollte nicht. Ich wollte, dass das Kind da raus kommt und zwar schnell. Ich hatte in meiner Pein 0,0 romantischen Sinn übrig für das Erspüren des kleinen behaarten Köpfchens. Als ich mein Bein, das ich seitlich liegend gegen meine Hebamme presste, schon nicht mehr spüren konnte, war sie da. Genau um 4:44 Uhr. Und zack, fiel alles von mir ab. Da lag dieses haarige, sehr käseschmierige, glitschige kleine Wesen auf meiner Brust und war bereit geliebt zu werden. Während wir unser erstes Date hatten, kam irgendwann die Plazenta hinterher, an deren Anblick ich mich aber kaum erinnere.

Dank meiner spitzenmäßigen Vorbereitung für einen weichen Muttermund (Reminder: Datteln, Leinsamen, Himbeerblättertee) habe ich die Geburt ohne Verletzungen überstanden. Nur mein Hals tat weh wie nach einem guten Konzert bei dem man jeden Song aus vollem Hals viel zu laut mitgröhlt. Während draußen die Vögel zu zwitschern begannen, warteten wir dümmlich dauergrinsend auf die Kinderärztin. Ich hatte geduscht, trug bereits meinen Bauchgurt und konnte vor lauter Glück kein Auge zu machen.

Gegen 10:30 Uhr packten wir Juli Eloise in ihr viel zu großes Homecoming Outfit und brachten sie nach Hause.

Und Corona?

Die Pandemie hat mein Geburtserlebnis glücklicherweise nur minimal beeinflusst. Zum einen durch den Test, den meine Hebamme bei der Ankunft mit mir gemacht hat, zum anderen dadurch, dass ich auf dem Flur eine Maske tragen musste. Gero konnte die gesamte Zeit über bei mir sein. Der Fakt, dass wir mit meiner Hebamme ein fester Personenkreis ohne ein Aufgrund von Schichten wechselndes Personal waren, hat das sicher begünstigt.

Ambulant entbinden: ja, nein, vielleicht?

Ja! Definitiv ja! Ich weiß nicht, ob ich es mich beim ersten Kind getraut hätte, aber für eine zweite oder dritte komplikationslose Geburt kann ich es sehr empfehlen. Vor vier Jahren empfand ich die erste Nacht im Krankenhaus als größere psychische Belastung als die Geburt selbst. Dieses Mal nur sechs Stunden nach der Geburt nach Hause in mein gemütliches Bett zu kommen, hat sich dagegen wie der Himmel auf Erden angefühlt. So konnten Leni und die beiden Omis das neue Familienmitglied auch direkt kennenlernen. Das wäre im Krankenhaus gar nicht möglich gewesen. Allerdings hatte ich auch das große Glück, mich kurze Zeit nach der Entbindung schon wieder sehr fit zu fühlen. Auch der Stillstart verlief komplikationslos.

Die Schönheit im Schmerz

Obwohl diese Geburt die krasseste Grenzerfahrung meines Lebens war und sich weitaus schmerzhafter angefühlt hat als die erste, war es dennoch das schönere Erlebnis. Verrückt oder? Aber ich empfinde es als unheimlich wertvoll dieses Mal wirklich alles mitbekommen zu haben, während ich mich an die erste Geburt nur bruchstückhaft erinnere. Seinen Körper so genau zu spüren, während er sich verformt, um einem neuen Menschen Platz zu machen, ist ein unvergleichliches Gefühl. Und trotz meiner Zweifel an mir selbst und an meinen Fähigkeiten unter der Geburt, bin ich im Nachhinein tatsächlich unfassbar stolz darauf, was ich geleistet habe. Ich habe dabei eventuell ganz Friedrichshain zusammengeschrien, aber am Ende zählt das Ergebnis oder?

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2 Kommentare

  • Antworten
    Julia
    18. April 2021 at 13:54

    Wurde beim lesen ganz emotional!
    Dachte bisher nach der Geburt meiner Tochter bei der ich 15 von 18 Stunden im Kreißsaal ohne meinen Mann oder eine Hebamme an meiner Seite die größten Schmerzen meines Lebens durchstehen musste das ich niemals wieder ein Kind spontan entbinden könnte.

    Irgendwie wurde mir beim lesen bewusst, dass ich das unbedingt nochmal von der ersten Minuten an mit meinem Mann an meiner Seite erleben möchte! ☺️

    War in meinem ganzen Leben kein einziges Mal so stolz auf mich selbst wie in dem Moment als dieses kleine Persönchen endlich in meinen Armen lag!

  • Antworten
    Catrin
    18. April 2021 at 21:05

    Toller Artikel💛 jetzt fast 1 Jahre nach der Geburt meiner zweiten Tochter, die so fix und ohne Schmerzmittel verlief, das ich dachte ich sei in Trance, kommen viele Erinnerungen daran wieder.
    Es ist wirklich so faszinierend, was ein weiblicher Köper alles leisten kann. Vom Bauen dieses kleinen Wesens bis hin zur Geburt und dem ausblendend, der „ Schmerzen des Todes“.

    Der Name ist wundervoll💛 und der Zweitname passt perfekt. Wie seid ihr auf ihn gekommen?
    Jetzt nach beiden Kindern, denke ich auch oft daran, ihnen einen weiteren Namen hätte geben sollen, aber vielleicht geben sie sich später noch einen „ Künstlernamen“, denn derzeit ist eine Namensänderung bzw. Erweiterung echt sehr teuer🙈

    Liebste Grüße

    Habe mich sehr gefreut, neue Artikel von dir lesen zu können.

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